rec.| SRF: Privatschulen - Warum wenden sich Familien von der Volksschule ab?
Überforderung, Leistungsdruck oder schlechte Vorbereitung auf die Berufswelt: Viele Eltern in der Schweiz hinterfragen die Volksschule und suchen nach Alternativen. «rec.» begleitet Familien, die ihre Kinder an Privatschulen schicken und zeigt, wie unterschiedlich die Gründe für diesen Schritt sind.
Stellungnahmen unseres Teams zur Dokumentation:
Lieber Donat Hofer
Aus verschiedenen Perspektiven weiss ich, wie tiefgreifend und existenziell das Thema Bildung für Familien ist. Umso mehr schätze ich ehrliche, differenzierte und möglichst wertfreie Reportagen wie die Ihre. Dass Sie sich diesem längst überfälligen Thema widmen, ist aus meiner Sicht ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Sensibilisierung. Denn es geht nicht um Ideologien oder Systeme – es geht um das Kostbarste, was wir haben: unsere Kinder. Um ihre Entwicklung, ihre seelische und körperliche Gesundheit und um ihre Zukunft – und das im Hier und Jetzt.
Besten Dank für die sorgfältige Aufarbeitung und das einfühlsame Porträtieren der Familien. Besonders hervorheben möchte ich, dass unterschiedliche Perspektiven Raum erhalten haben. Gerne möchte ich einige Punkte ergänzen, die aus meiner Sicht noch klarer hätten herausgearbeitet werden dürfen, oder vielleicht in einer Folgesendung noch ihren Platz finden?
Erstens: Es wurde zwar erwähnt, dass Privatschulen kostenpflichtig sind, jedoch hätte deutlicher gezeigt werden können, dass diese Beträge vollständig aus der eigenen Tasche der Eltern bezahlt werden – während ihre Steuergelder weiterhin an die öffentliche Schule fliessen, obwohl ihr eigenes Kind diese nicht mehr besucht. Für Familien, die nicht aus Luxus, sondern aus Leidensdruck wechseln, ist diese Doppelbelastung finanziell kaum tragbar.
Zweitens: Die Reportage implizierte stellenweise, dass Privatschulen eine Frage der Chancengleichheit seien. Doch echte Chancengleichheit existiert auch im öffentlichen System nicht – wie unter anderem Ihre eigene SRF-Dokumentation zur integrativen Schule aufgezeigt hat. Auch an öffentlichen Schulen entstehen erhebliche Kosten, etwa durch vielfältige Therapien und Schuldienste, um Kinder in ein bestehendes System „passend“ zu machen. Diese finanziellen und strukturellen Realitäten hätten aus meiner Sicht ebenfalls transparent dargestellt werden dürfen.
Drittens: Private Schulen leisten einen wichtigen Beitrag – nicht nur für betroffene Kinder, sondern auch für die Bildungslandschaft insgesamt. Viele arbeiten innovativ, nachhaltig und beteiligen sich aktiv an Bildungsforschung. Zahlreiche dieser Schulen sind eigentliche Herzprojekte, die nur dank unzähliger Stunden unentgeltlichen Engagements von Lehrpersonen und Eltern bestehen können. Dieser Idealismus und diese gesellschaftliche Leistung hätten deutlicher gewürdigt werden dürfen.
Solange im öffentlichen System nicht flächendeckend strukturelle Veränderungen umgesetzt werden, brauchen Kinder, die es brauchen, real existierende und bezahlbare Alternativen. Diese Kinder leben jetzt. Ihre Kindheit und ihre Entwicklung finden heute statt – nicht erst in zehn Jahren, wenn politische Prozesse abgeschlossen sind.
In diesem Zusammenhang wäre auch ein Hinweis auf Organisationen hilfreich gewesen, die sich seit Jahren für mehr Wahlfreiheit und tragbare Lösungen einsetzen wie z. B. die Interessensgemeinschaft Fri-Kids, das Bildungsforum Schweiz, die Elternlobby, das Lehrernetzwerk u. a.
Ich danke Ihnen für die Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema und würde mir von Herzen wünschen, dass zukünftige Beiträge diese Aspekte noch vertiefen.
Dankbare Grüsse,
Ariana Heldstab, Team Fri-Kids
Lieber Herr Hofer
Ihr Film hat mich tief berührt, sowohl als Mutter wie auch als jemand, der seit Jahren Familien begleitet, die in schwierige schulische Situationen geraten. Vieles von dem, was Sie zeigen, haben wir selbst erlebt.
Unsere beiden Söhne besuchten die Tagesschule SESAM. Die Schulleiterin Judith hat uns in einer sehr grenzwertigen Phase aufgefangen, obwohl die Schule eigentlich voll war. Für unseren mittleren Sohn war dieser Schritt ein Befreiungsschlag. Ihm ging es gesundheitlich und emotional sehr schlecht, und lange glaubten wir, dass eine Privatschule für uns finanziell nicht möglich sei.
Was oft übersehen wird: Die finanziellen Belastungen begannen nicht erst mit der Privatschule. Bereits während unser Sohn noch an der Staatsschule war, mussten wir uns, aus purer Not, anwaltlich schützen lassen. Diese Zeit war intensiv, belastend und voller Unsicherheiten. Und sie hat uns eines schmerzhaft bewusst gemacht:
Wir konnten unser Kind nur schützen, weil wir uns einen Anwalt leisten konnten. Viele Familien können das nicht.
Gleichzeitig wurde uns klar, wie ungleich die Ausgangslage ist. Der Staat kann sich juristische Unterstützung ohne Weiteres leisten, und er ist emotional nicht beteiligt. Er verfügt über Strukturen, Fachpersonen und Ressourcen, die ihn automatisch stärken. Eltern hingegen stehen oft alleine da, erschöpft, unter grossem Leidensdruck und ohne vergleichbare Mittel. Die Chancen, in dieser Konstellation etwas zu bewirken oder überhaupt gehört zu werden, sind minimal.
Wir haben lange versucht, politisch etwas zu verändern. Doch weder Politik noch Behörden waren offen für unser Anliegen. Bis heute wird oft behauptet, es handle sich um Einzelfälle, Fälle, die man nicht weiter beachten müsse. Diese Haltung hat uns gezeigt, dass der politische Weg für uns nicht der wirksamste ist.
Heute konzentrieren wir uns darauf, Familien direkt zu unterstützen. Wir beraten Eltern, die ähnliche schulische Geschichten erleben, und geben ihnen das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Aus dieser Arbeit ist die Interessensgemeinschaft Fri‑Kids entstanden, ein Ort, an dem Familien mit ihren Sorgen ernst genommen werden und Orientierung finden.
Ihr Film leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung. Er zeigt, wie dringend wir über Alternativen, über individuelle Bedürfnisse und über systemische Grenzen sprechen müssen.
Was jedoch oft zu kurz kommt und was ich mir für eine zukünftige Auseinandersetzung wünsche , ist die finanzielle Dimension. Sie entscheidet darüber, ob ein Kind geschützt werden kann oder nicht. Und genau das darf in einer demokratischen Gesellschaft nicht vom Einkommen der Eltern abhängen.
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Arbeit und dafür, dass Sie diesen Themen Raum geben. Ihr Film macht Mut und öffnet Türen für Gespräche, die längst überfällig sind.
Mit herzlichen Grüssen
Karin Lerch, Team Fri-Kids
